
Prognosen versagen,
weil sie geschönte Optimismusfaktoren für Politik und Wirtschaft sind
Zu Gast beim management club Salzburg war Dr. Thilo Sarrazin, Berliner Exfinanzsenator und Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank.
Er referierte vor den MC-Mitgliedern im Saal des ORF-Landesstudios über das Thema ‚Risiko Zukunft – weshalb wir uns immer verschätzen und warum das so ist’.
Wirtschaft, Politik aber auch die Gesellschaft nutzen das Mittel der Prognose nur allzu gerne, um die überschaubare Gegenwartssituation soweit wie möglich positiv fortzusetzen. Das sei, so Sarrazin ganz menschlich und auch Experten könnten sich diesem kollektiven Wunsch nach einer erkennbaren Zukunft nicht entziehen. Nur leider stimme dies meist nicht mit den realen Verläufen überein.
Deutlich machte dies der Volkswirt an einem deutschen Beispiel aus den 70er Jahren: In einer SPD-Langzeitstudie über die wirtschaftliche Entwicklung der BRD wurden folgende Entwicklungen einfach nicht erkannt und somit auch nicht in die Studienprognosen einbezogen: die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft, der Fall der Mauer mit der sich anschließenden politischen wie wirtschaftlichen Vereinigung, der Zusammenbruch der Ostblockstaaten, die rasante Entwicklung des Internets und der Klimawandel.
Dabei kommen Veränderungen, von denen die meisten keine Ahnung haben wollen, regelmäßig alle 10 Jahre vor. Sie fallen jedoch nicht plötzlich vom Himmel sondern kündigen sich in Trends an, werden aber so lange erfolgreich ignoriert, bis sie unübersehbar sind und alle den kollektiven Irrtum oder auch die kollektive Ignoranz anerkennen müssen.
Nach Einschätzung von Sarrazin sind die nächsten großen gesellschaftlichen Veränderungen in den derzeitigen Trends bereits heute deutlich erkennbar. Dazu gehören die Halbleitertechnologie, der Klimawandel bzw. Klimaschutz und die demoskopische Bevölkerungsentwicklung, die vorwiegend in Österreich und Deutschland innerhalb der nächsten 20 Jahre zu einer überalteten Gesellschaft führen wird.
Trotz aller menschlichen Prognoseschwächen und Irrtümer konnte Thilo Sarrazin den MC-Mitgliedern doch auch Gutes, wenn nicht gar Phänomenales über Prognosen berichten: Setze man sie realistisch oder sogar pessimistischer an, entwickle sich das reale Geschehen in den meisten Fällen positiver als ‚prognostiziert’. Wer sich dieser Prognose mangels realistischem Zukunftsglauben noch nicht anschließen kann, dem bleibt zumindest das Eröffnungswort von Sarrazin: „Positiv ist, dass die Zukunft ungewiss ist.“


