Coronavirus: Fluch oder Segen für die Digitalisierung

erste Eindrücke nach 3 Tagen Notbetrieb in Österreich

Autor: Dr. Georg Krause, Vorstand der msg Plaut AG

Die aktuelle Situation stellt uns alle in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft vor die größten Herausforderungen. Inzwischen gibt es auch ein gemeinsames Verständnis darüber, dass nach dieser Krise unsere Welt nicht mehr dieselbe sein wird, wie davor. Aber was wird sich ändern und was kann das vor allem für die digitalen Themen bedeuten?

Bereits in den ersten Tagen des „Notbetriebs“ in Österreich, in denen umfassende Ausgangsbeschränkungen in Kraft getreten sind, gibt es einige interessante Auswirkungen, die im Folgenden betrachtet und ihre Auswirkung auf die Digitalisierung (konkret anhand der Indikatoren des DESI Index) näher beleuchtet werden.

Offensichtlichster Effekt ist die erfolgte Umstellung im großen Stil auf HomeOffice, in einer Breite und Geschwindigkeit, wie sie zuvor völlig unvorstellbar war. Ein großer Teil der berufstätigen Bevölkerung hat innerhalb weniger Tage seine Tätigkeit komplett auf Web Konferenzen mit Micrososft Teams und Skype, Zoom, WebEx & Co umgestellt. Hürden, die dem entgegenstehen, wurden erkannt und oft blitzartig überwunden. So wurden beispielsweise in einem Rechenzentrum innerhalb einer Woche Teams für alle Mitarbeiter ausgerollt, um die Kommunikation im HomeOffice zu ermöglichen. In einer Einheit der öffentlichen Verwaltung wurde die Genehmigungsfrist für HomeOffice von 1 Woche auf „sofort“ umgestellt. Besprechungen wurden alle auf digitale Meetings umgestellt, persönliche Treffen gibt es derzeit praktisch nicht mehr.

Plötzlich merken die Mitarbeiter, dass das auch funktioniert, dass Abstimmungen, auch spontan über diesen Kanal möglich sind und dass man sich mit seinem Team und seinen Kunden auch digital abstimmen kann. Die Technologie ist vorhanden, das Netz hält weitgehend der hohen Belastung stand. Dies wird jedenfalls auch über die Krise hinaus Verhaltensänderungen bewirken und wir werden in Zukunft sicher kritisch prüfen, ob immer das persönliche Treffen erforderlich ist und ob unsere Mitarbeiter immer im Bürogebäude sitzen müssen und ob Beratung unserer Kunden nicht zumindest teilweise digital erfolgen kann.

Im europäischen Digitalisierungsindex „DESI“ (https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/desi), der der zentrale Benchmark der europäischen Länder hinsichtlich ihrer digitalen Performance ist und der 34 Indikatoren in 5 Dimensionen misst, sind die Länder Deutschland und Österreich im Mittelfeld auf Platz 12 bzw. Platz 13 zu finden.

Durch den Effekt der verstärkten Heimarbeit werden wir positive Effekte auf den DESI bei den beiden folgenden Indikatoren sehen:

DESI Indikator: 3b4 Videoanrufe
AT Werte und Ranking: 45% der Internetnutzer/Rang: #24; DE Werte und Ranking: 57%/#12

DESI Indikator: 3b8 Online-Beratung und -Abstimmung
AT Werte und Ranking: 8% der Internetnutzer/Rang: #16; DE Werte und Ranking : 13%/#8

Was nach wenigen Tagen auch bereits feststellbar ist, dass verstärkt digitale Ausbildungsmöglichkeiten angeboten und genutzt werden, wenn die Menschen zu Hause bleiben müssen. Dies findet in Schulen und Universitäten statt, die praktisch über Nacht alle digitale Lerneinheiten in Form von Webinaren und Aufgaben, sowie Prüfungen anbieten. Aber auch Ausbildungsanbieter in der Wirtschaft, wie SAP, setzen verstärkt auf Online Kurse und Zertifikate und selbst im privaten Bereich gibt es digitale Trainingsangebote, wo Tanztrainer Online Tanzunterricht mit Kamera und Videoschirm geben.

Auch dieser Trend wird sich wohl auch nach der Krise fortsetzen und er wird folgenden DESI Indikator positiv beeinflussen:

DESI Indikator: 3b7 Teilnahme an Online-Kursen
AT: Werte und Ranking 5% der Internetnutzer/Rang: #20 DE: Werte und Ranking 6%/#16

Ein weiterer interessanter, bereits spürbarer Effekt ist die rasante Zunahme an Online Bestellungen. Im Lebensmitteleinzelhandel war der Online Anteil in den letzten Jahren sehr gering. Seit Beginn der Corona Krise sind die Online Bestellkapazitäten der großen Lebensmittelketten in Österreich innerhalb weniger Tage komplett ausgebucht. Auch hier ist davon auszugehen, dass die Menschen die Convenience schätzen werden, wenn die Einstiegsbarriere erst mal überwunden ist…und das gilt natürlich nicht nur für den Lebensmittelhandel. Da praktisch alle Geschäfte, die nicht für den täglichen Bedarf erforderlich sind, geschlossen haben, können Elektronik, Kaffee Kapseln und Gewand derzeit eben nur online bestellt werden.

Aber auch umgekehrt besteht für die lokalen Händler und Produzenten die Notwendigkeit, ihre Waren online anzubieten, da sie über die klassischen Geschäfte, ihre Kunden derzeit nicht mehr erreichen können.

Auswirkung auf DESI:

DESI Indikator: 3c2 Einkaufen
AT: Werte und Ranking 69% der Internetnutzer/ Rang: #11; DE: Werte und Ranking 82%/#5

DESI Indikator: 4b1 KMU mit Online Vertrieb
AT: Werte und Ranking 13% der KMUs/#18; DE: Werte und Ranking 19%/#10

DESI Indikator: 4b2 Umsatz im Internethandel
AT: Werte und Ranking 7% des KMU Umsatzes/#22; DE: Werte und Ranking 16%/#20

Ein starker Boom ist im Konsum von Kultur über digitale Medien zu beobachten. So hat beispielsweise die Wiener Staatsoper zwar schließen müssen, bietet aber gleichzeitig ein gratis Streaming Programm kostenfrei an. Kabarettisten zeigen täglich Ausschnitte aus ihrem Programm und natürlich werden Netflix, Apple+ und andere Streaming Dienste intensive genutzt.

Auswirkung auf DESI:

DESI Indikator: 3b2 Musik, Videos und Spiele
AT: Werte und Ranking 80% der Internetnutzer/#17;  DE: Werte und Ranking 82%/#15

Letztlich wurden gerade auch in dem Bereich, der am stärksten vom COVID-19 Virus betroffen ist, nämlich dem Gesundheitswesen, zahlreiche „digitale Maßnahmen“ ergriffen und rasch umgesetzt. So wurde beispielsweise in Rekordzeit das eRezept umgesetzt, damit vor allem Patienten mit Dauermedikation in Zeiten des Coronavirus nicht in die Ordination kommen müssen. Ärzte dürfen telefonisch krank geschrieben werden und müssen nicht in die Arztpraxis kommen und die Beratung und Information bezüglich Coronavirus erfolgt maßgeblich über digitale Medien.

Auswirkung auf DESI:

DESI Indikator: 5b1 Elektronische Gesundheitsdienste
AT: Werte und Ranking 18% der Einwohner/#14; DE: Werte und Ranking 7%/#26

DESI Indikator: 5b3 Elektronische Verschreibung
AT: Werte und Ranking 10% der Allgemeinmediziner/#24; DE: Werte und Ranking 19%/#22

Digitalpolitik wird aufgrund der Corona Krise daher nicht an Bedeutung verlieren, sondern wahrscheinlich sogar sehr stark gewinnen. Gerade Länder, wie Österreich und Deutschland, die in der Breite tendenziell zurückhaltend beim Ausprobieren und Umsetzen neuer Technologien sind, erhalten durch die derzeitige Situation einen Innovations-Push und lernen die Anwendung neuer Technologien situationsbedingt sehr rasch kennen und verlieren die „Scheu“ gegenüber den neuen Technologien. Das könnte uns nachhaltig im internationalen digitalen Wettbewerb helfen.

Datum: 18.3.2020